Zeitgeist: Achteinhalb Jahrzehnte seit dem Tod der Dichterin des 20. Jahrhunderts (4)
Sie erlag der alten, dekadenten Versuchung, sich selbst als schillernde, unerkannte und missverstandene Dichterin zu inszenieren; als Mutter ihrer Kinder und Ehefrau ihres Mannes; als Geliebte eines jungen Ephesen; als Gestalt einer märchenhaften Vergangenheit; als Barde eines dem Untergang geweihten Heeres; als Schülerin und Freundin, als leidenschaftliche Gefährtin. Aus diesen (und anderen) „Persönlichkeitsbildern“ schuf sie die große Dichtung unserer Zeit. Doch sie hatte keine Kontrolle über sich selbst, keine Fähigkeit zur Selbsterkenntnis (und sie nährte diese Unwissenheit). Sie war hilflos, sorglos und unglücklich, umgeben vom „Nest“ und doch allein, sie fand und verlor und beging unzählige Fehler.
(Nina Berberova über Marina Tsvetayeva im Buch Die Kursivschrift stammt von mir)